Die tatz. Ausgabe 01/2006.

Feuilletatz
Die Frage, ob jeder Diplomacy so spielen kann, wie er das will

Von Sebastian Beer

Ratsimandresy Ratsarazaka aus Madagaskar, seines Zeichens Fußballtrainer und Besitzer eines der klingendsten Namen, die ich je vernommen habe, wurde unlängst vom madagassischen Verband für drei Jahre gesperrt. Der Mann hat außerdem für die Zeit seiner Sperre Stadionverbot in ganz Madagaskar. Erheben sich zwei Fragen: was hat der Mann um Gottes Willen angestellt, und was zur Hölle hat das mit Diplomacy zu tun?

Ich hole weiter aus. Diplomacy gilt landläufig als das Spiel des Hauen und Stechens, des Lügen und Betrügens, des Freunde-Verratens. Richtig gute Spieler (jaja, wer ist das, und wer legt das fest?) würden das so nicht unterschreiben, aber das ist nun mal die Art, wie in vielen Anfänger-Partien gespielt wird. Dennoch werden immer wieder Spieler wegen "Betrugs" (sie versuchen, mit zwei Accounts an einer Partie teilzunehmen, o.ä.) aus ihren Communities ausgeschlossen. Wie kann man aber in einem Spiel, das für sehr viele Spieler "Variationen über Hinterlist und Tücke" zum Thema hat, wie kann man in so einem Spiel für Betrug ausgeschlossen werden? Darf man sich in Diplomacy-Partien denn nicht verhalten wie man will? Gibt es Grenzen?

Betrug ist bei Diplomacy selbstverständlich ein legales Mittel zum Zweck. Betrug im Sinne von: ich verhandle etwas, und halte mich nicht daran. Die Verhandlungen, die Abmachungen, das ist in den Spielregeln extra festgehalten, sind nicht bindend. "... und im Herbst ziehe ich dann ohnehin wieder aus Con raus..".

Es ist jedoch andererseits nicht erlaubt, etwa heimlich weitere Einheiten aufs Brett zu schmuggeln. Es ist nicht erlaubt, einem Gegner anzudrohen, dass man ihm den Unterkiefer gründlich brechen würde, wenn er weiterhin renitent ist. Es ist nicht erlaubt zu schlagen, an den Haaren zu ziehen, zu kratzen, zu beissen, zu würgen. Es ist nicht erlaubt, E-Mail-Accounts zu hacken, noch unter zwei Pseudonymen an einer Partie teilzunehmen. Diplomacy ist nicht der Wettstreit "wie betrüge ich am besten" sondern maximal "wie betrüge ich am besten, ohne gegen Spielregeln zu verstoßen bzw. mich unfair zu verhalten". Als "Spielregel" gelten hier sowohl die Hasbro-Regeln als auch die Hausregeln des jeweiligen Anbieters/Gastgebers bzw. einfache Regeln des sozialen Miteinanders (mein Gegner schenkt mir vielleicht Tunis, wenn ich drohe ihn andernfalls anzuspucken, aber das ist nicht die Art, wie wir Diplomacy spielen wollen). Die einzigen Regeln des Alltags, die am Diplomacy-Brett nicht gelten, sind im Regelheft extra erwähnt: niemand muss sich an Abmachungen halten.

Das sind also bereits die ersten Einschränkungen. Nein, ich darf Diplomacy nicht so spielen wie ich will, ich muss mich 1. an Spielregeln halten. Darf ich aber dann innerhalb der Spielregeln tun und lassen was ich will? Das ist eine schwer zu beantwortende Frage, mit der man leicht in die Graubereiche des modernen Diplomacy-Hobbys vorstößt.

Ich möchte zunächst wieder auf den oben erwähnten Fußballtrainer mit dem exotischen Namen zurückkommen. Ratsimandresy "Ich kaufe ein A" Ratsarazaka ist (war) wie gesagt Trainer bei einem madagassischen Club namens Stade Olympique l'Emyrne (der Club heißt wirklich so, nicht bloß das Stadion). Als dieser hatte er in einem wichtigen Spiel eine Auseinandersetzung mit dem Schiedsrichter (in der er überraschender Weise den kürzeren zog), und beschloss darauf, sich im nächsten, für seinen Verein bereits bedeutungslosen, Spiel bitterlich zu rächen, indem er seinen Mannen befahl, so hoch wie möglich zu verlieren. Und zwar nicht, indem man den Gegner Tore schießen ließ, sondern indem sie sich selbst ein Ei nach dem anderen ins Tor legten. 149:0 war der stolze Endstand in einer Partie, die sich deswegen auch im Guinness-Buch der Rekorde wiederfindet.

Der Verband beschloss daraufhin Berufs- und Stadienverbot über einige der beteiligten Herren zu verhängen, im Falle des Trainers sogar für drei Jahre. Warum das? Haben die Funktionäre und Kicker von Stade Olympique l'Emyrne gegen das Fußball-Regelwerk verstoßen? Haben sie nicht. Nirgendwo ist geregelt, wieviele Tore ich mir selber schießen darf. Es war ein denkwürdiger, aber kein irregulärer Abend in Madagaskar (wie so viele DM-Partien: denkwürdig, aber nicht irregulär...). Wie aber kann man jemanden für etwas bestrafen, das vollkommen regelgerecht abgelaufen ist? Offenbar ist "sich an Regeln halten" nicht immer genug (jedenfalls nicht im madagassischen Fußball). Es scheint gewisse (ungeschriebene) Zusatzregeln zu geben wenn Menschen spielen. Werden diese nicht eingehalten, entstehen Konflikte.

Wenn ich an einem Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Brett mit drei Mitspielern sitze, die sich untereinander nicht werfen, sondern immer nur mich, wenn sie die Möglichkeit dazu haben, dann macht das Spiel keinen Sinn. Der vierte Spieler hat keine Chance zu gewinnen und wird hoffentlich vom Brett aufstehen, sich bedanken und gehen. Ein Fußballspiel gegen ein Team, das nur den Ball möglichst weit ins Out kickt, ist lähmend. Für Gegner und Zuseher. Risiko mit zwei Spielern, die sich die Weltherrschaft teilen möchten: eine Katastrophe. Es scheinen also tatsächlich "universale" Spielregeln zu existieren. Jedenfalls für kompetitve Spiele.

Damit Spiele (in denen "gewinnen" irgendwie zu den Zielen gehört, ich rede nicht von "Blinde Kuh" oder "Scharade" o.ä.) Spaß machen, müssen sich die Spieler an gewisse allgemeine Grundregeln (nicht Spielregeln) halten. Nummer eins könnte etwa sein, dass alle Beteiligten gerne spielen (wer schon mal mit am Spiel nicht interessierten Spielern gespielt hat, wird wissen, was ich meine). Oder dass alle Beteiligten zumindest in irgendeiner Form gewinnen möchten. Nichts lähmender als die Schachpartie gegen den Clown, der schon immer dringend ausprobieren wollte, wieviele Figuren an den Rand eines Schachbretts passen, bzw. wie so ein Königsgambit denn nun funktioniert (natürlich spielt das keine Rolle, wenn ALLE Spieler nur blödeln wollen).

Bei Diplomacy ist es schwer die Grenzen zu ziehen. Zusammenarbeit gehört hier, anders als bei anderen kompetitiven Spielen, stark zum Spielprinzip. Ein bisschen vielleicht wie bei "Siedler von Catan". Rohstoffe tauschen solange es beiden was bringt, ist sogar vorgesehen. Über ein ganzes Spiel lang zusammenzuspielen macht das Mitspielen für die anderen Spieler allerdings überflüssig. Wo allerdings die Grenze zu ziehen ist, ist fraglich. Wer entscheidet, wann einer der beiden Spieler nicht mehr gewinnen, sondern nur noch seinen Spezi auf den ersten Platz hieven will?

Allgemein könnte man also sagen: Nein, auch wenn ich mich an alle Regeln halte, darf ich nicht so spielen, wie ich das will (bzw. ich DARF schon, allerdings nehme ich dann Konflikte bis hin zum Spielabbruch in Kauf). Es gibt neben Spielregeln auch noch ungeschriebene Gesetze des Spielens, und die beinhalten zumindest, dass die einzelnen Spieler 2. für sich bzw. ihre Partei im Rahmen ihrer Möglichkeiten das bestmögliche Ergebnis anstreben sollten. Geschieht das nicht, ist das Spiel verraten, wertlos, langweilig. Im Fußball wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht, im Schach wie eben auch bei Diplomacy.

Erschwerend hinzu kommt im Fall Diplomacy noch, dass eine Schachpartie vielleicht ein paar Stunden dauert (kürzer wenn der Gegner ein Königsgambit versucht), eine Partie Diplomacy online jedoch erheblich länger (Wochen bis Monate). In diesen Monaten kann sie sehr viel Arbeit sein. Und es ist frustrierend, nach Monaten draufzukommen, dass z.B. drei andere Mitspieler einander schon länger kennen, und vereinbart haben, ihren Freund, der gerade Geburtstag hat, auf ein Solo einzuladen. Oder dass ein anderer Spieler, seinem Alliierten alle Zentren einfach so überlässt (Typ "Wir hatten soooo eine nette Partie gemeinsam").

Muss man damit leben? Vermutlich, die betreffenden Spieler halten sich an alle Regeln und betrügen nicht. Nicht jeder Verband ist so konsequent wie der Fußballverband Madagaskars. Abschenker, Kuschler und Freunderlhiever werden in Diplomacy-Partien (leider) nicht gesperrt und mit Con-Verbot belegt. Nichts zwingt einen allerdings dazu, sich mit diesen Spielern wieder an einen Tisch zu setzen. Jemand, der nicht das Ziel verfolgt, am Ende mit 18 Zentren dazustehen, schadet dem Diplomacy-"Sport" genauso, wie jemand, der nicht das Ziel hat Tore zu schießen, dem Fußball-Sport schadet. Genau aus diesem Grund darf Ratsimandresy Ratsarazaka derzeit keine Fußballstadien besuchen. Auch Fußball darf man nämlich nicht so spielen, wie man das gerade für richtig hält. Sogar wenn man sich dabei an alle Regeln hält.