Die tatz. Ausgabe 01/2006.

Feuilletatz
Wir sind WDC!

Von Sebastian Beer

So, nun kann ichs mir doch nicht vergreifen, und missbrauche die dämliche Bild-Überschrift nocheinmal für diesen Artikel. Allerdings nicht ganz ohne Grund. Dass der Papst ein Deutscher ist, ist für Katholiken, die eventuell auch dem Fußball (Länderspiel!) nicht abgeneigt sind, sicher eine tolle Sache. So wie der durchschnittliche Österreicher sich freut, wenn der RTL-Chef Österreicher ist (wir sind nämlich RTL). Die Freude über die WDC in Berlin ist den Deutschen Diplomacy-Spielern noch nicht ganz so anzusehen. Wird hoffentlich noch.

Ich erinnere mich, als ich kleiner war, und erstmals mit Diplomacy in Berührung kam, da las ich irgendwas über eine mythische Veranstaltung namens WDC, die irgendwo in Amerika stattfinden sollte. Alle Götter dieses Hobbys wären dort. Und ich wollte auch ganz dringend, und sei es nur, um ein wenig zu huldigen. Allerdings war ich noch sehr jung, und Amerika war weit.

Im Zuge eines unerwarteten Geburtstagsgeschenks (Merci, Clara!) durfte ich dann vor zwei Jahren auf meine erste echte WDC, nämlich in Birmingham. Tolle Sache das. Genauso wichtig, wie man sich das vorstellt. Man verfolgt aus den Augenwinkeln die richtig guten Spieler. Da kommt Egg, hier wandelt Clouet, im Eck steht Birsan (Mein Gott, der Mann hat das Lepanto erfunden!)... Jahrzehnte Diplomacy-Geschichte in einem Raum versammelt.

Man muss sowas einfach gesehen haben. Mehr als hundert(!) erwachsene(!!) Menschen, die ernsthaft stundenlang die Geschicke Europas verhandeln. Die darlegen, warum Deutschland Schweden gleich hätte nehmen sollen, und nicht so lange zuwarten. Sehr schräg. Und ein Erlebnis, von dem man noch seinen Enkeln erzählen kann. Gleichzeitig eine unendlich wohltuende Erfahrung. Hier sind Dutzende Menschen, die das gleiche Hobby haben. Die einen nicht schief ansehen, wenn man ihnen vom letzten Draw erzählt, oder warum England nicht Nwy nehmen sollte. Menschen, die mit einem auf ein Bierchen gehen, und fachsimpeln. Oder auch nur von amerikanischen Turnieren erzählen. Oder einen mit der britischen Trinkkultur bekanntmachen. Oder...

Und dabei ist Diplomacy gar nicht das Wichtigste. Das läuft nebenher. Klar ist es spannend, mit verdammt guten Spielern an einem Brett zu sitzen, und versuchen, sich wacker zu schlagen. Aber viel lustiger ist, die Mitdiplomaten, die sich bisher hinter E-Mailadressen bzw. Namen (etwa auf Artikeln) versteckt haben, mal live zu erleben. Sich auszutauschen ueber die Zukunft des weltweiten Hobbys, und ob England Nwy nun wirklich nicht gleich nehmen sollte, oder was.

Und jetzt kommt diese WDC nach Berlin. So nahe kommt sie dann längere Zeit nicht mehr. Von wegen Prophet und Berg und so. Der DDB wird für eine würdige Veranstaltung sorgen (schon jetzt klingt die WDC nach einer der besten Veranstaltungen der letzten Jahre), und der Rest muss einfach nur noch vorbeischauen. Du spielst nicht gern Face to face? Du reist nicht gern? Du hast nur wenig Zeit/Geld? Alles keine Ausreden. Eine Heimat-WM muss man wahrnehmen, wer weiß, wann die wDC das nächste Mal in Mitteleuropa ist? So eine Chance kommt vielleicht nie wieder! Und: wo sonst sollte man anfangen, FtF zu spielen, wenn nicht auf der WDC? Danach hat man definitiv den Respekt vor jeder Wald- und Wiesenveranstaltung verloren.

Auf zur WDC. Diejenigen, die zu Hause bleiben, versäumen die Chance, sich einen Platz auf der Diplomacy-Weltbühne zu sichern. Wie Kennedy ausrufen würde: "Wir sind Berliner!". Oder, um es auf Bild zu sagen: Wir sind Kennedy!

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