Die tatz. Ausgabe 01/2007.

Leser empören sich
Letz(t)erbrief zum Artikel im Feuilletatz und der Frage, ob man Diplomacy spielen kann wie man will.

Von Philip Groth

Sieh an!
Auch die großen Beeren, äh, Bären erheben ab und zu die Zeigepranke. Ob das von unserem rasenden Reporterbären gebrummte Fazit auch durch das durch die Tatze gezeigte Beispiel belegt wird und vor allem, inwieweit die harten Schlussworte ins Herz der versammelten Diplomaten schlagen möchte ich hier kurz aufschreiben, denn wer Honig will, der muss auch damit rechnen, dass die Bienen zurück stechen.


Gehen wir also zum wieder Sport. Genauer gesagt, zur Tour de France. Hierbei handelt es sich keinesfalls um einen Einzelsport, wie zum Beispiel Diplomacy. 2005 waren 21 Mannschaften mit 189 Fahrern am Start. Das Ziel der Mannschaft ist hierbei aber nicht primär, die beste Gesamtwertung zu erreichen, sondern den Favoriten durchzupuschen, d.h. unter anderem ihn kilometerweit im Windschatten der Kollegen treiben zu lassen. Ob das ursprünglich so geplant war, oder ob sich das so ergeben hat, ist nicht bekannt. Tatsache ist, dass es so passiert und dass nur die Regeln davon abhalten könnten, es weiterhin so zu tun.

Kommen wir also zum leidigen Regelthema. Es ist klar, dass es Regeln geben muss und es ist auch klar, dass es ungeschriebene Gesetze des Zusammenspielens gibt. Aber für meinen Geschmack hat Sebastian in seinem Artikel ein paar (zu) harte Worte gebrummt als er schrieb "Abschenker, Kuschler und Freunderlhiever werden in Diplomacy-Partien (leider) nicht gesperrt und mit Con-Verbot belegt."

Ich möchte hier also nun dafür plädieren, dass mindestens "Abschenker" und "Kuschler" aus dieser Gleichung rausgenommen werden, aber auch "Freunderlhiever" sich wieder im Salon der Diplomacygesellschaft blicken lassen dürfen.

Nun also der Reihe nach:
Okay, "Abschenker" heizen ja immer wieder die Gemüter der Highscore-Anwärter auf, dies hat erst kürzlich ein Thread im Forum wieder vor Augen geführt. Wenn man nun also von einem bis dahin "vertrauten" Kollegen am Brett gestabbt wird, wie reagiert man? Entweder man wehrt sich, nach dem Motto: "Du kriegst von mir nichts!", dann muss man aber häufig die eben verlorenen VZs dadurch ausgleichen, dass man von woanders Einheiten abzieht und gegen den neuen Feind zieht. Dies ist ja aber ein abschenken an einen anderen Gegner. Die Alternative ist, dass man sagt "Okay, dann hast Du mich jetzt gestabbt, herzlichen Glückwunsch kannst alles haben." Das ist ebenso abschenken und folglich befindet man sich in einer no-win Situation (nein, die no-win Situation ist nicht die Situation in der einem der Rechner abgestürzt ist), in der man sich übrigens häufig nach einem schlimmen Stab befindet (wenn der Stab gut kalkuliert war). Also versuche ich mich jetzt mit den einstigen Gegnern gegen den neuen Gegner zu verbünden und muss Zugeständnisse machen, sowohl an meine eigenen Ressourcen, als auch an den neuen Partner, damit er mir beisteht. Und werde prompt als "Abschenker" beschimpft. Selbst wenn wohl Abschenker nicht gleich Abschenker sind, aber nach wessen Maß soll das hier gemessen werden (der Highscore-Anwärter hätte sich sicherlich nicht beschwert, wenn ich ihm "abgeschenkt" hätte)? Achja, und wer den Schaden hat… natürlich gibt's auch noch ab sofort Con-Verbot, schließlich hat ja jemand auf Dich gezeigt und "Abschenker" geschrien. Alle haben's gesehen.

"Kuschler" sind theoretisch die geliebtesten Mitspieler. Sie wollen es allen recht machen und ziehen immer brav nach Absprache. ABER sie machen auch nichts unvorhersehbares. Also ist der Spielspaß dahin. Für wen eigentlich? Eine Partie mit einem völlig unbekannten im Vertrauen durchzuziehen erfordert mindestens genauso viel diplomatisches Geschick, wie jemanden zu stabben und mit den so erschnorrten VZ durchzumarschieren. Im Gegenteil, die Diplomatischen Abhandlungen unter Kuschlern sind größer als in einer Stabber-Partie, denn da bleibt nicht mehr viel zu sagen. Vielleicht mag der Spielspaß der Zuschauer nicht befriedigt werden, wenn sich zwei finden und es schaffen, sich zusammenzuraufen. Aber wer Sensationen will, soll hat die Tatz lesen. Hier ein Con-Verbot zu fordern sollte unter jedes Bären würde sein.

Kommen wir nun zu den mittlerweile ja bereits kriminalisierten "Freunderlhievern". Es ist also absolut verboten, anderen zum Sieg zu verhelfen. Ich finde dies im Bereich crossgaming und Doppelaccounts auch gut so, denn hier werden betrügerische Grenzen überschritten, die nicht mehr mit dem Spiel zu tun haben. Aber wenn zwei Spieler in einer Partie lange um die Vorherrschaft ringen, warum sollte eine gewisse Absprache des Sieges oder des Draws (so wie jede andere Absprache auch erlaubt und sogar erwünscht ist) nicht auch möglich sein? Wenn sich 5 Freunde dazu entschließen, das Geburtstagskind zum Sieger zu erklären, dann bitte, es muss ja nicht jede Partie spannend sein. Und ich finde, dass man im Diplomacy auch noch tolerant genug sein sollte, um jedem seinen Spielspaß so zu gönnen, wie er ihn gerne hätte. Die beiden Sieger (im Draw oder im Solo durch einen Partner) haben es sich genauso verdient, anerkannt zu werden, wie ein brutaler Stab-Solist. Der musste sich mit niemandem koordinieren. Diplomatie heißt auch miteinander. Das ist mein credo und dafür lasse ich mich gerne beschimpfen, wer will.

Ich schließe mein Verteidigungsplädoyer für die Diplomacyspieler "vom anderen Ufer" (wer aufmerksam mitgelesen hat, der weiß nun wer gemeint ist, ich kann aber nicht verhehlen, dass ich diese Phrase bewusst nutze) mit der Anmerkung, dass ich nicht besonders hoch im Highscore stehe, was hauptsächlich daran liegt, dass stabben (für mich) den Spielspaß genauso in den Keller treibt wie anderen Leuten das "Abschenken", mit dem Unterschied, dass das eine eben Salonfähig ist und "halt zum Spiel gehört" und das andere eben nicht.

In dem Sinne wünsche ich allen etwas mehr Gelassenheit, wenn sie mal wieder an einem Tisch sitzen an dem es nicht so spannend zugeht, sondern einfach nur Diplomacy gespielt wird. Mit allen Regeln wie sie im Buche stehen.