Die tatz. Ausgabe 02/2007.

Feuilletatz
Isch mach disch Stab, Alder - von Kuschlern, Stabbern und von guten Spielern

Von Sebastian Beer

Wenn man beginnt, Diplomacy ernsthaft zu spielen, das heißt aus dem eigenen Freundeskreis hinausgeht, und viel Zeit in Online-Partien investiert, bzw. gar beginnt, auch zu FtFs zu reisen und Wochenenden lang Diplomacy spielt, dann steht man erst mal vor einer komplett neuen Welt. Und wie immer, wenn sich einem neue Welten auftun, ist es erst mal einfacher, komplexe Sachverhältnisse in simple Bilder zu fassen.

Diplomacy-Newbies hängen, unter anderem auch deswegen, überraschend oft der Meinung an, Spieler seien grob in zwei Kategorien einzuteilen: Stabber und Kuschler. Die Stabber sind dabei die Charakterschweine. Hinterhältige Wesen, die zwecks Aufpolierung ihres Egos jede Partie, an denen sie teilnehmen, unbedingt gewinnen müssen, und dafür keinen schmutzigen Trick scheuen, lügen, betrügen, Omma verkaufen. Anstatt einfach ein feines Spiel unter Freunden zu genießen, das man ja auch in Harmonie und Eintracht und vor allem GEMEINSAM gewinnen könnte, und wenn nicht dann isses doch auch schön, einfach gespielt zu haben. Praktischerweise deckt sich dieser Mythos auch genau mit der Einstellung, die wir als soziale Wesen auch für unseren Alltag akzeptiert haben. Menschen, die immer mehr wollen, und dabei auf die Beziehungen zu ihren Mitmenschen rücksichtslos verzichten, verachten oder bemitleiden wir.

Kuschler andererseits sind Menschen die langfristige Bündnisse spielen, nie stabben, immer das machen, was sie sagen, und das Spiel spielen um Spaß zu haben, Menschen kennenzulernen und Beziehungen zu pflegen.

Wenn Newbies dann spielen, fühlen sie sich folglich einer dieser Gruppen zugehörig (wenn ALLE Spieler Stabber oder Kuschler sind, und ich bin ein Spieler, dann muss ich auch entweder stabben oder kuscheln). Wenn man Aggressionen aus dem Alltag mit ins Spiel nimmt, und diese auf dem Brett auslebt, wird man Stabber. Wenn man Angst davor hat, belogen und betrogen zu werden, und denkt, dass man durch kuschelige Spielweise davor verschont bleibt, kuschelt man eben. Und kuschelt oder stabt sich meistens ins eigene Verderben.

Ich will hier nicht behaupten, dass der "Kuschler" und der "Stabber" nicht existieren. Ich kenne Exemplare beider Gattungen, und es handelt sich durchwegs um Spieler, die langfristig nicht sehr erfolgreich sind. Kuschler und Stabber in Reinform machen allerdings einen SEHR geringen Prozentsatz aller Spieler aus. Was bedeutet, dass Newbies, deren Diplomacy-Welt aus diesen beiden Gruppen besteht, aus allen Wolken fallen, wenn der "Kuschler" an ihrem Brett sie aus heiterem Himmel böse stabt, oder wenn der "Stabber" an ihrem Brett plötzlich beginnt, mit einem festen Partner und voller Vertrauen in ihn selbiges aufzurollen.

Gute, erfahrene Spieler sind nämlich weder Kuschler noch Stabber. Gute Spieler wissen, dass man Diplomacy nur mit funktionierenden Bündnissen gewinnen kann. Je funktionierender, umso profitabler für die Beteiligten. Je profitabler, umso funktionierender. Soweit unterscheiden sie sich nicht von den Kuschlern. Es kommt allerdings der Punkt, an dem es NOCH profitabler ist, zu stabben. Und ein guter Spieler wird dann nicht zögern. Das macht ihn zum guten Spieler.

Mehr noch. Ein guter Spieler weiß, wo auf seinem Brett die Kuschler und die Stabber sitzen, und er wird die Kuschler ankuscheln (um sie später eventuell zu stabben) und den Stabbern wird er so lange VZ vor die Nase halten, bis sie es sich mit allen umliegenden Spielern verscherzt haben, um sie dann mit einer großen Allianz vom Brett zu räumen.

Alles andere ist Show. Eine Runde guter Spieler wird sich immer einig sein, dass JEDER einzelne von ihnen ein notorischer Kuschler ist, der GEMEINSAM mit seinem Partner eine Partie gewinnen will (ein sicherer Weg, auch weiterhin Partner zu finden). So wie in einem Gefängnis, wenn man die Gefangenen nach ihren Verbrechen befragt, alle unschuldig sind, und nur von ihren Anwälten hineingeritten wurden. Gute Spieler achten zum Teil sogar bewusst darauf, dass die schwarz-weiße Welt von Kuschlern vs. Stabbern aufrecht erhalten wird, um dann mit denen, die noch dran glauben, leichtes Spiel zu haben.

Es gab in Diplomacy-Kreisen mal ein hartnäckiges Gerücht, dass gute Spieler nie lügen oder stabben (sondern auf anderen mysteriösen Wegen gewinnen). Ich wäre gerne derjenige gewesen, der das Gerücht in die Welt gesetzt hat, weil es ein perfekter Schachzug war, um gute Spieler auf den Topboards der Welt einzuzementieren. Sehr viele Newbies haben daran geglaubt, und sich blind auf Topspieler verlassen (die ja ganze Turniere gewinnen ohne zu lügen). Andererseits haben viele Spieler versucht, diesem edlen und souveränen Beispiel zu folgen, und ganze Turniere gespielt, ohne jemanden direkt anzulügen. Generationen von Topspielern werden sich die Ärsche abgelacht haben. (Unnötig zu erwähnen, dass ich auch erst von diversen Topspielern in Grund und Boden gelogen werden musste, um dieser Illusion beraubt zu werden - Diplomacy ist ein schmutziges Spiel, und schmutzige Spiele werden langfristig von Spielern gewonnen, die sich gerade so schmutzig machen, dass man sie beim nächsten Mal wieder mitspielen lässt. Deswegen auch die vielen PR-Tätigkeiten mancher Spieler in eigener Sache abseits des Brettes.)